Uli:
Welche Check-in-Frage hast du in der vergangenen Zeit besonders gerne gestellt?
Anna-Maria:
Also ganz sicher meine Liebste war: „Mit welchem Energielevel bist du heute hier?“ Oder anders formuliert: „Wie hoch ist dein Energielevel?“ Auf einer Skala von 1 bis 10, wenn die 7 davon ausgenommen ist. Und 1 bedeutet niedrig und 10 sehr hoch.
Uli:
Welches Energielevel hast du für dieses Interview?
Anna-Maria:
Oh, ich habe heute tatsächlich 8,5.
Uli:
Das klingt gut für einen Freitagvormittag. Damit, dass deine Abordnung ins Agility Lab bald endet, hat das hoffentlich nichts zu tun?
Anna-Maria:
Nein, nein.
Uli:
Mit welchen Gefühlen blickst du zurück?
Anna-Maria:
Auf alle Fälle ist es große Freude und Dankbarkeit, die mich erfüllt, wenn ich auf die letzten dreieinhalb Jahre gucken kann, weil ich so unglaublich viele Dinge und Fähigkeiten entwickeln, ausprobieren, lernen durfte.
Ich bin auch dankbar für die sehr inspirierenden Begegnungen mit Menschen in der Organisation, die ich davor so nicht hatte, weil ich ja auch aus einem anderen Bereich kam; auch die Begegnungen, die sich dann mit Externen durch die Tätigkeit im Agility Lab aufgetan haben. Aber auch dieser Perspektivwechsel in die Verwaltung aus einer dezentralen Einheit heraus, die stärkeren Verbindungen zu Kolleginnen und Kollegen, die wurden erst durch die Abordnung ermöglicht.
Ich habe den großen Grad an Freiheit als ungeheures Privileg empfunden. Ich wurde nicht in der Arbeit gebremst. Die Möglichkeiten zur Gestaltung und Eigeninitiative waren immer da. Deswegen bin ich ein bisschen wehmütig, weil ich nicht so ganz weiß, ob das zukünftig noch da sein wird. Aber ich glaube, das ist generell an der Uni schon auch möglich.
Und ich möchte noch sagen, dass ich das grundsätzlich mutig und visionär finde, so ein Lab einzurichten. Also ein Labor, in dem man experimentieren darf und das auch als Personalentwicklungsmöglichkeit sehen kann. So wurde ich damals angeworben und mir hat dieser Gedanke gefallen, diese Experimente in der Verwaltung zuzulassen.
Uli:
Willst du mal fünf spannende Dinge aufgreifen, die du gelernt hast?
Anna-Maria:
Die Ausbildung zum Agile Coach habe ich direkt zu Beginn gemacht. Da fand ich diesen Impuls, dieses „einfach Ausprobieren“, dieses agile Mindset, toll. Das war der beste Start am Anfang.
Als zweites die Liberating Structures, diesen Schatz an Methoden, den ich jetzt so im Köfferchen mitnehmen kann, eben für gruppendynamische Prozesse. Da hilft der sehr. Das habe ich gelernt und kann es jetzt weiter anwenden.
Dann: die Interaktion mit Menschen zu gestalten. Diese Möglichkeit hatte ich ja davor gar nicht so sehr in meinem Arbeitsumfeld. Da habe ich gemerkt, das liegt mir und ich kann das total verfeinern mit Methoden, die ich gelernt habe. Aber mir macht das einfach auch Spaß, solche Community-Veranstaltungen zu kreieren und durchzuführen.
Das vierte ist sicherlich die Implementierung von Multiplikatoren – das klingt jetzt so ein bisschen technisch, das sind ja Menschen, die dahinter sind –, die Wirksamkeit von Personen, die als Multiplikator in der Organisation wirken, in unterschiedlichen Abteilungen aufzubauen, zusammenzubringen und so ihre Abteilung zu empowern.
Und als fünftes fand ich super wichtig, dass wir nicht nur über agile Methoden sprechen und sie in der Theorie erklären, sondern auch selbst anwenden. Da würde ich unser Team als Beispiel nennen, dass wir im Agility Lab auch selbst die Retrospektive fest implementiert haben. Wir haben zurückgeschaut und daraus Erkenntnisse für was Neues gewonnen. Und das hat uns nach vorne gebracht.
Uli:
Würdest du sagen, die Berufsbezeichnung „Wissenschaftsmanagerin“ passt zu diesen Dingen, die du da aufgezählt hast?
Anna-Maria:
Mir war die Bezeichnung ja am Anfang unbekannt. Ich habe meine Rolle so verstanden, Brücken zu bauen zwischen der Wissenschaft und der Verwaltung. Damit ist es eine klassische Wissenschaftsmanagerfunktion, ohne dass ich das davor wusste.
Ich habe mich auch mit der theoretischen Begründung dieses sogenannten Third Space zwischen Akademia und Administration beschäftigt. Wichtig ist, dass es Personen sind, die in so einer Funktion oder Rolle tätig sind, die einfach einen Perspektivwechsel einnehmen können. Und ob das jetzt ein Science-Manager ist oder irgendjemand anders, das ist ein Label, um es greifbar zu machen.
Am Anfang habe ich mal einem Forscher hier am Institut erzählt, dass ich die Stelle antrete. Und da hat er gesagt: „Aber Wissenschaft kann man doch nicht managen.“ Das habe ich mir immer wieder klar gemacht, denn das ist ja auch der Blick der wissenschaftlichen Berufsgruppe auf uns.
Uli:
Wissenschaft lässt sich für manche also nicht managen. Andere sagen auch: Agilität und Verwaltung passen nicht zusammen. Was sagst du zu diesem häufigen Einwand?
Anna-Maria:
Dem würde ich vehement widersprechen. Menschen in der Verwaltung machen ja tendenziell eher Dauertätigkeiten. Genau für solche Prozesse, die anders als ein Projekt häufig durchgeführt werden, ist es ja überaus hilfreich, wenn wir sie optimieren, anpassen und in regelmäßigen Abständen überprüfen, damit wir dann schauen können: Machen wir noch die richtigen Dinge und machen wir diese Dinge dann auch richtig? – Gerade diese Überlegungen hinsichtlich Effektivität und Effizienz eignen sich ja bei Prozessen, die im Verwaltungshandeln angesiedelt sind.
Es ist kein Selbstzweck, dass es die Verwaltung gibt, sondern wir als Verwaltung schaffen ein gutes Umfeld, damit Forschung und Lehre und Wissenschaft an der Universität entstehen und exzellent sein können. Dann ist es absolut geeignet, Agilität in solche Prozesse reinzubringen.
Und ich würde auch noch sagen, dass die Lernkurve bei Dauertätigkeiten besonders hoch ist. Bei einem einmaligen Projekt, das gescheitert ist, können wir sagen: „Beim nächsten Projekt machen wir es anders.“ Bei einer Dauertätigkeit macht es ja Sinn, sich immer wieder in die Lernschleife reinzubegeben. Das hat auch einen sehr hohen Impact für die gesamte Organisation als eine lebendige und lernende Organisation.
Uli:
Als du im Lab anfingst, hieß der Kanzler, dem das Lab unterstand, noch Jan Gerken. Du hattest drei Kolleginnen und einen Kollegen. Was hat sich geändert, wenn du die Situation mit heute vergleichst?
Anna-Maria:
Das allererste Team hatte unter den Einschränkungen der Corona-Maßnahmen zu leiden. Es war schwierig, Workshops in Präsenz durchzuführen. Sie hatten auf ein Online-Angebot ausweichen müssen und das Lab dadurch erst mal bekannt machen.
Jetzt können wir Workshops in Präsenz machen, haben aber immer noch ein großes Online-Angebot. Also etwas Neues braucht einfach Zeit, auch unabhängig von den Personen, um sowas zu etablieren und bekannt zu machen. Und das ist mittlerweile gelungen, auch über die zentrale Verwaltung hinaus.
Das hat dem ganzen Lab nicht nur Aufschwung gegeben, sondern hat es auch Fahrt aufnehmen lassen. Wir haben so viele Beratungsanfragen, dass wir das als Team gar nicht mehr leisten können. Wir lehnen auch schon Anfragen aufgrund von Kapazitätsgrenzen ab.
Gleichgeblieben ist, dass es sich bewährt hat, Agility-Lab-Mitglieder aus unterschiedlichen Bereichen zusammen zu würfeln. Die Uni ist so divers und dann ist es gut, wenn die Mitarbeitenden im Lab selber so divers sind. Mannigfaltige Aufgaben, die ja an uns herangetragen werden, können dann auch von der passenden Person bearbeitet werden.
Uli:
Du hast diesen Wandel aktiv begleitet von einem nicht wirklich bekannten Lab, das kaum Präsenzveranstaltungen anbieten konnte, zu einem Lab, das Aufträge ablehnen muss. Was hat dich dabei besonders herausgefordert?
Anna-Maria:
Besonders herausfordernd war, wenn ich es noch mal chronologisch sehe, dass ich zum Beginn des Jahres 2023 quasi allein dastand und fünf Monate ohne Team nur das Notwendigste arbeiten konnte, dann noch mal in den Bewerbungsprozess eingestiegen bin, dass wir weitere Kollegen, dich, Uli, und Martin gewinnen konnten. Also die Unterstützung kam erst im Sommer 2023.
Und ein anderer Aspekt, der ja auch strukturell ist, ist natürlich, dass eine Teilzeitstelle stets herausfordernd ist. Also es bleibt nicht bei 50 Prozent, auch nicht auf der anderen Stelle. Und ich glaube, das können sich alle vorstellen, die auch in Teilzeit arbeiten.
Uli:
Wohin geht dein Weg nach deiner Zeit im Agility Lab weiter?
Anna-Maria:
Ich kehre zu 100 Prozent zurück ans ISW. Damit endet die Abordnung, sie war von Anfang an zeitlich befristet für mich. Aufgrund meiner Loyalität gegenüber meiner Heimat-Institution empfinde ich das Ende auch als passend. Ich habe die Möglichkeit schon in der Vergangenheit gehabt und nutze diese auch weiterhin, dass ich mit Teams, mit wissenschaftlichen Gruppen am ISW, agil arbeiten kann und denen Methoden und Werkzeuge näherbringen kann. Es geht um das Kennenlernen und das Befähigen, dass sie sie selbst anwenden können für Projekttreffen, Konsortialmeetings und Workshops, die bisher eher klassisch strukturiert sind.
Ich denke auch ein großer Schmerzpunkt, den man noch bearbeiten kann, ist überhaupt Workshop-Design – Workshops werden bisher eher traditionell gestaltet, was auch immer das dann bedeutet. Und deswegen werde ich das über 2026 hinaus auch am ISW weiter machen.
Und es ist ja auch so, dass Agilität dann doch die innere Haltung ausdrückt und die nehme ich ja mit, die ist verwurzelt. Also deswegen: Ich bleibe diesem Ansatz treu.
Uli:
Zum Abschluss: Was wünschst du der Uni Stuttgart auf dem Weg zu einer agilen Organisation?
Anna-Maria:
Ich wünsche auf alle Fälle, dass ihr weitermacht, die Uni Stuttgart weiterhin auch den Mut hat, Neues zu probieren und solche neuen Wege zu gehen. Da darf man schon auch manchmal Pilot sein oder Pionier – also Wege erschließen.
Der Invest in Personalbefähigung ist nach wie vor wichtig und den sollte man auch weiter vorantreiben, zum Beispiel gemeinsam mit der Abteilung von Harald Hornyak, mit der OE-und-PE-Abteilung. Ich wünsche speziell Frau Steiger, die ja bereits entscheidungsorientierte Meetingmethoden kennengelernt hat und davon sehr begeistert ist, dass sie noch mehr Kolleginnen und Kollegen dafür gewinnen kann, diese selbst einzusetzen.
Dann wäre die Vision nicht nur Multiplikatoren, sondern so einen Schneeballeffekt zu haben, dass alle von so einer Begeisterung angesteckt werden. Die Agilität geht ja mit einer proaktiven Gestaltung der Umwelt einher, dass man seine eigene Arbeitsumgebung als einzelne Person proaktiv gestaltet und somit ja eben auch den Weg einer agilen Organisation unterstützt. Deswegen wünsche ich der Uni und den darin tätigen Menschen von Herzen, proaktiv und gestalterisch zu sein.
Uli:
Jetzt einfach an dieser Stelle im Interview wünsche ich dir für den weiteren Weg echt alles Gute, dass du die Freiheiten hast, die Methoden anwenden zu dürfen, dass du coole Leute hast, die sich anstecken lassen, die Begeisterung weitertragen und dich auch mit der Begeisterung mittragen.
Anna-Maria:
Danke schön, Uli. Ich werde euch beobachten, das ist ja klar; nicht nur beobachten, sondern hoffentlich noch weitere Veranstaltungen auch dann als Teilnehmerin genießen können.
Uli:
Vielen Dank!
Interview: Uli Fries